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#ResidencyInsights                                            Sprungbrett < > Tanzrecherche NRW 
Bahar Gökten, Lin Verleger, Viola Luise Barner

27.02.2019 
by Fabio Neis

Kategorie
Artists in residence

Einblick in Studio 1 // Urban Dance & Partnering

1. Unter ›zeitgenössischem Tanz‹ wird gemeinhin eine choreographische Tanzkunst der Gegenwart verstanden, die sich auf einer Bühne vollzieht. Abseits hiervon versammelt der ›Urban Dance‹ unzählige Stile, die popkulturell hochgradig aktuell sind, gegenwärtig jedoch wenig auf den Bühnen der Republik zu finden sind. Würdet ihr sagen, dass sich ›Urban Dance‹ schon seiner Herkunft wegen dieser Ausrichtung entzieht, insofern Bühnenauftritte hier kaum anvisiert werden, oder ist der Umstand, dass ›Urban Dance‹ eher in Musikvideos, Clubs und Tanzstudios zu finden ist, womöglich auch einem kulturpolitischen, institutionellen Leerstand in Hinblick auf diese Tanzkunst geschuldet?
 

Zu urbanem Tanz gehören beispielsweise ›Breaking‹, ›Popping›, ›HipHop‹, ›Locking‹ oder ›Waacking‹ - Tanzkulturen städtischen Ursprungs, die sich stark von ihren jeweiligen Musikrichtungen ausgehend entwickelt haben und jeweils eigene kulturelle Praktiken und spezielles Bewegungsvokabular mitbringen. Die Plattform der Präsentation dieser Tanzformen ist in erster Line nicht die uns bekannte Bühne, sondern der sogenannte ›Cypher‹, ein vom Publikum oder anderen Tänzer*innen geformter Kreis. In diesem präsentieren die Tänzer*innen nacheinander ihre Soli, mit dem Ziel, einen eigens erarbeiteten Stil zu zeigen und sich mit einer innovativen und individuellen Bewegungssprache von anderen abzuheben. Auch wenn hierauf ein starker Fokus gelegt wird und das Individuum im Vordergrund zu sein schein, ist ein wichtiger Aspekt des urbanen Tanzes – also das, was das Ganze trägt – eine weltweit vernetzte, solidarische Gemeinschaft dieser Tanzkulturen. Ob nun im Musikvideo, im Club, in den lokalen Jugendhäusern oder im Tanzstudio, die urbanen Tanzstile entwickeln sich auf der Basis mitgetragener Werte und Traditionen ständig weiter und leben von dem Aufgreifen aktueller Einflüsse und der Interpretation neuer Generationen. Wenn also unter ›zeitgenössischem Tanz‹ eine choreographische Tanzkunst der Gegenwart verstanden wird, ist dann urbaner Tanz nicht zeitgemäßer denn je? 

Gemeinsame Kreationen von Choreographien sind fester Bestandteil der Tanzformen, jedoch im Rahmen ihres jeweiligen kulturellen Kontexts. Dennoch entzieht sich der urbane Tanz nicht der Bühne. Der Kontext verändert sich nur und damit auch die Art und Weise wie beispielsweise mit einem bestimmten Bewegungsvokabular oder kulturellen Praktiken gearbeitet werden muss. Wir sind in unserer Recherche immer wieder bei der Fragestellung gelandet, inwiefern der urbane Tanz die urbanen Szenarien braucht, um seine Charakteristika beizubehalten - was macht den urbanen Tanz überhaupt urban? 

Die urbane Tanzszene in Deutschland hat enormes Potential und existiert nicht seit gestern. Sie existiert nahe so lang wie beispielsweise in Frankreich, wo allerdings der urbane Tanz auf den Bühnen der ›Hochkultur‹ schon längst angekommen ist. Wieso nicht auch hier? Auf deine Frage ob dies einem kulturpolitischen, institutionellen Leerstand im Hinblick auf die urbane Tanzkunst geschuldet ist, wollen wir mit einem Wunsch an beide Seiten antworten: bitte mehr Dialoge und Schnittstellen! Fragt, was ihr nicht wisst, hört zu, lernt euch kennen! Es gilt, die Hürden des Unwissens zu überwinden und Platz zu schaffen für unkonventionelle Produktionen, die frei sind, sich selbst noch zu erproben, so wie wir es im Rahmen der ›Sprungbrett‹-Residenz erfahren konnten. So gehen wir in einen Diskurs und künstlerischen Austausch, der Toleranz fördert und ein enormes kulturelles Potential hat. 

 

2. Während eurer Residenz erforscht ihr Bewegungskonzepte wie das ›Partnering‹. Wie lassen sich solche
Elemente in den ›Urban Dance‹ integrieren und welche Bedeutung hat Körperkontakt hierbei, wenn beispielsweise Breakdance, auch ›Breaking‹ genannt, eher als wettbewerbsorientierter ›Battle-Tanz‹ eingestuft werden kann, der in der Regel ohne direkten Körperkontakt auskommt?
 
 


Kommt es zu einer tänzerischen Zusammenarbeit im ›Breaking‹, aber auch generell im urbanen Tanz, fehlt meist der Körperkontakt. In Choreographien sind die Körper nebeneinander und hintereinander aufgereiht, dienen als Absprunghilfe für akrobatische Elemente oder manipulieren sich durch vorgetäuschte Impulse. Doch was passiert wenn man den Impuls wirklich zulässt? Sich einlässt, auf das Abgeben von Gewicht, das Annehmen von Gewicht? Wir haben verschiedene Bewegungskonzepte für Partnering im urbanen Tanz erprobt, von denen sich einige rein technisch auch in anderen Tanzstilen anwenden lassen.

Die urbane Ästhetik, die wir beim Erforschen dieser Konzepte beibehalten konnten, geht von unser eigenen, langjährigen Erfahrung im urbanen Tanz aus.  Sie kann deswegen nicht als spezifisch urbanes ›Partnering‹-Konzept definiert werden. Beispielsweise ist der Tanzstil ›Breaking‹ - bestehend aus den unter anderem im Stehen getanzten Schritten ›Top Rocks‹, der Bodenarbeit ›Footworks‹, dem auf einer Körperstelle oder entlang einer Körperachse rotierenden Elementen ›Powermoves‹ und dem abschließenden Verharren in der Position des ›Freeze‹ - in erster Linie ein wettbewerbsorientierter ›Battle-Tanz‹. Die Elemente sind als sehr individuelle Bewegungsformen konzipiert und erst mal schwierig mit einer weiteren Person in Körperkontakt zu verknüpfen.

Wir haben viel gemeinsam ausprobiert, mussten manche Versuche auch aufgeben und konnten dafür neuen Ideen nachgehen. Dabei haben wir darauf geachtet, wirklich miteinander in Verbindung zu stehen, voneinander abhängig zu sein und/oder die Bewegungen anhand von Impulsen eines Partners erstehen zu lassen. Es erfordert einfach sehr viel Zeit, um beispielsweise der Virtuosität und Dynamik, die ›Footwork‹ in der individuellen Ausführung haben kann, in direktem Kontakt mit einer anderen Person gerecht zu werden. Wir glauben aber ansatzweise herausgefunden zu haben, wie das möglich gemacht werden kann.


Es fühlt sich zwischen uns keinesfalls fremd/ungewohnt an, miteinander zu tanzen anstatt gegeneinander – das gegeneinander ist eben oft auch ein anderes miteinander! Gleichzeitig lässt die intensive Auseinandersetzung mit einer weiteren Person, in der sonst so gewohnten individuellen Kreation des eigenen Tanzes, hier klar einen neuen Ausdruck entstehen, der in der Form in der Praxis des ›Breaking‹ nicht üblich ist. 

 

3. Sind im Zuge eurer zweiwöchigen Residenz gewisse Fragestellungen aufgekommen, die ihr weiter ausarbeiten möchtet und könnt ihr euch vorstellen, eure theoretischen Überlegungen und praktischen Studien in ein Bühnenstück zu übersetzen?



Die ursprüngliche Fragestellung war, ob es eine Art ›urbanes Partnering‹ gibt oder geben kann. Dieser Ausgangspunkt hat uns zu weiteren grundlegenden Fragestellungen geführt und spannende Diskussionen ausgelöst. ›Partnering‹ im urbanen Tanz existiert, aber die Formen und Intentionen unterschieden sich vom zeitgenössischen Tanz, beispielsweise durch ›Counterbalance‹ und Kontakt-Improvisation. Davon inspiriert sind nun einige Konzeptideen entstanden, doch um Techniken im ›Partnering‹ anhand urbaner Tanzelemente auszuarbeiten und weitere Techniken zu finden, ist ganz klar eine längere Recherche notwendig.

Interessant in der Zusammenarbeit war es, zu sehen, was diese Recherche, eingebettet in die Konstellation von genau uns drei unterschiedlichen Menschen und Bewegungssprachen, hervorgebracht hat. Wir haben zwar eine gemeinsame Basis im urbanen Tanz, doch bringen wir einzeln auch weitere Elemente wie etwa ›Capoeira‹ mit. Wie diese weiteren Spezialisierungen die Verknüpfungen von Bewegungen und die Verhältnisse im Raum und im Miteinander verändert haben, war ebenso spannend zu sehen.

Es ist also definitiv in unserem Interesse, diese Bewegungskonzepte und die während der Residenz gemachten Erfahrungen in Zukunft weiterhin zu vertiefen. Wir können uns sehr gut vorstellen, dafür eine Struktur auf der Bühne zu finden, die einen real-simultanen und im Moment entstehenden Austausch fördert, gleichzeitig gefällt uns auch die Idee, ein Workshop-Format zu entwickeln, in dem wir ausgearbeitete Konzepte mit anderen teilen können. Wir haben erstmals letzte Woche einige der Ansätze in einer Open Session von nutrospektif ausprobiert und waren sehr erfreut, zu sehen wie die Teilnehmer*innen diese umsetzen. 

SPRUNGBRETT <> TANZRECHERCHE NRW

 

Unsere sechs Sprungbrett-Künstler*innen haben ihre zwei Residenz-Recherchen bei PACT Zollverein in Essen und im tanzhaus nrw in Düsseldorf schon genutzt. Allein die Gruppe um Greta, Constanza und Amanda trifft sich im April noch einmal zur zweiten Recherchephase.

BAHAR GÖKTEN, VIOLA LUISE BARNER UND LIN VERLEGER

Die Sprungbrettler*innen Bahar Gökten, Viola Luise Barner und Lin Verleger haben die Recherchewochen im tanzhaus nrw und bei PACT Zollverein intensiv genutzt und sich mit ihren jeweiligen Techniken und Stilen des Urban Dance auseinandergesetzt, kennengelernt und angenähert, analysiert, neu kreiert und recherchiert. Die drei Tänzer*innen mit der gemeinsamen Basis im urbanen Tanz und speziell im Breaking recherchieren unter dem Titel # URBAN PARTNERING # zu Partnerarbeit im Urban Dance: „Inspiriert von der Partnerarbeit im zeitgenössischen Tanz und von unserem Fundament im urbanen Tanz, wollen wir uns gemeinsam in ein Labor begeben, in dem wir Bewegungskonzepte erforschen, entwickeln und für diese eine Struktur auf der Bühne finden. Eine Struktur, die einen real simultanen und im Moment entstehenden Austausch fördert.“ Dabei möchten sie erfahren, was ihre drei unterschiedlichen Erfahrungen und Bewegungssprachen hervorbringen: Welchen Einfluss bringt Viola aus dem Capoeira mit? Wie setzt Bahar isolierte Poppingbewegungen ein und wie energisch steuern Lin’s Powermoves zur Dynamik den Bewegungen bei?

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Gold

Choreographie/Konzept:
Viola Luba

Tanz:
Marsilda Turtulli

Yasmina Murtazalieva

Eda Altug

© Viola luba

Gold” ist ein sehr rohes Stück.
Es setzt sich aus den Personen und ihren gemeinsamen, grenzübergreifenden Erlebnissen zusammen. So geht es einmal darum die Bronze-prüfung zu bestehen, die Beste im “Top Rock” zu sein oder im “Battle” gegen die Rivalen aus Potsdam zu gewinnen; ein anderes mal geht es darum, dass die Gruppe auseinander bricht weil Halil abgeschoben wurde, Marsilda nicht kommt weil ihr Vater im Krankenhaus liegt oder Fatima verboten wird mit ihren bereits 11 Jahren noch zu tanzen.

Nicht immer hält die Gruppe freiwillig zusammen, es sind verschiedenste Sprachen, Kulturen und Sitten vertreten. Manchmal verhindern die Eltern die Teilnahme ihrer Kinder, andere Male sind es gerade die Eltern, die die vielseitige Unterstützung willkommen heißen und ihr Kinder motivieren.

Viola Luise hat Raum und Struktur geschaffen, das Potential dieser Verbindungen auf der Bühne zu präsentieren. Thematisch sind es Charaktereigenschaften, Wünschen und Konflikte innerhalb der Gruppe die durch ihr natürliches/rohes Aufkommen faszinieren.

Yasmina spricht 5 Sprachen, hört alles, redet viel und wird von der Gruppe auch mal ausgeschlossen; sie hat eine explosive Bewegungsform und viel Ausdauer.

Eda ist auffällig klein, ruhig, beobachtend und fleissig; sie kann unsicher wirken aber ist sehr deutlich in ihrer Bewegungssprache.

Marsilda ist groß und sehr schlacksig, sie ist leicht gereizt und tänzerisch zwar undiszipliniert aber sehr kreativ, vor allem im Blick auf andere; so auch in “Gold”.

 

Die Proben für das Stück finden in Studios in der Schwedter Straße und im Theaterhaus Mitte statt. An Manchen Tagen werden einzelne Szenen wieder und wieder geübt, an manchen Tagen 2 bis 3 Komplett-durchläufe gemacht. Manchmal wird nur gesprochen, hinterfragt, zugehört - das eher auf den Ubahn-fahrten als im Proberaum - “Viola, wir sind doch zum tanzen hier.”, stimmt.

 

Das Ensemble entsteht aus dem Inklusionsprojekt “Knochenbrecher Crew” des Stadtbezirks Reinickendorf, Berlin. Die in 2017 gegründete Initiative basiert sich auf “Breakdance” und rechnet mit der Beteiligung von rund 10 Kinder mit und ohne Fluchterfahrungen, zum größten Teil (noch) in Heimen untergebracht.

Den Trainingsraum stellt die KITA “Albatroz” jeden Montag zur Verfügung, abgesehen von den freien Trainingsräumen wie “KMA Antenne” oder das Jugendhaus “Chip” die die Mitglieder der “Knochenbrecher Crew” in Begleitung ihrer Trainer*innen sporadisch besuchen. Außerdem werden Ausflüge, manchmal auch mit Übernachtung, veranstaltet. Meistens auf “Breakdance”-Veranstaltungen im Raum Norddeutschland.

 

Marsilda, Eda und Yasmina sind heute die drei “Knochenbrecher” die seit Anfang an dabei sind. Sie haben Trainer*innen und Mitglieder kommen und gehen sehen, haben Shows getanzt, Workshops besucht und an “Battles”/Wettbewerben teilgenommen.

Viola Luise ist seit November 2017 ihre beständige Trainerin und die künstlerische Leitung in “Gold”.

água viva / Blauauge

© Rebecca goerender

Choreography/Concept

Lara Machado Rodrigues

Viola Luba

Dance

Viola Luba

© Teciane pereira

Synopsis:

Beim Solo geht es ums manipulieren und manipuliert werden. Wenn man die Manipulation als natürlichen Bestandteil des (Miteinander)Lebens versteht, werden alle Handlungen und Reaktionen fragwürdig. Wie kalkuliert agieren und reagieren wir? Wem oder was wollen wir dabei gerecht werden und inwieweit können wir uns dessen bewusst sein? Glauben wir nur an das, was wir anfassen können? Anpassungsfähig sein heißt lernfähig sein; Gewohnheiten umgestalten, Perspektiven wechseln und Umgangsformen, Bewegungsdynamiken oder ästhetische Vorstellungen neu erfinden.

 

Release:

Das Solo “Água viva/Blauauge” ist unter der künstlerischer Leitung von Lara Machado, “Jogo da construção poética” entstanden

Der Research-Prozess basiert auf Fragen über den Mensch als gesellschaftliche Figur - wie erhalten wir unseren Bezug zu Vorfahren, wie verhalten wir uns zwischen Minderheitskulturen und Privilegien, wie bewegen wir uns von Bekanntem zu Unbekanntem (betrachten Bekanntes aus unbekannter Perspektive). Viola manipuliert und lässt sich manipulieren, kreiert einen aufeinander aufbauenden Bewegungsablauf, der die körpereigene Vielfalt herausfordert.

Aus der Überzeugung, dass Menschen sich innerhalb ihrer eigenen Identitätssuche mehr verlieren als finden (müssen), zielt ihr Tanz darauf ab, verschiedene Phasen zu reflektieren; zB durch den Austausch von Perspektiven oder Ahnenforschung.

Premiere 14.3.2019

"Corpo, Poesia e Ancestralidade"
Porto Seguro, BA, Brazil

19.4.2019

"VivaDança"
Salvador, BA, Brazil

9.5.2019

"Freie Performance Kultur"

Köln, NRW, Deutschland

wilmindflowers

Founded 2017, wildmindflowers is a collective of dancers based in Berlin. 

The first piece Relatedness won the team price at Club Oval and was invited to the Open Your Mind Festival, NL.

Relatedness is about grounding in communication through action in asynchrony, synchrony and as a whole.

https://vimeo.com/308549149

Rosário Tomasello, Enrique Campeone, Viola Luba